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Michael Schadewitz, Zwischen Ritterkreuz und Galgen. Skorzenys Geheimunternehmen Greif in Hitlers Ardennenoffensive 1944/45, Aachen: Helios 2007, 218 S., EUR 34,00 [ISBN 978-3-938208-48-9]

Der Autor schildert in diesem Band Hitlers Realitätsverlust und Wunschdenken bei seiner Idee, eine Offensive im Westen, »Wacht am Rhein«, »Battle of the Bulge« zu beginnen. Der Mangel an Wirklichkeitssinn blieb allerdings nicht auf den deutschen Diktator allein beschränkt, sondern hatte schon geraume Zeit zuvor auch seine Generale erfasst. Es war nämlich nicht Hitler selbst, der für die Ardennenoffensive die Angriffszone zwischen Monschau und Echternach festlegte, sondern es waren Offiziere des Wehrmachtführungsstabes. In diesem Abschnitt, so meinten sie, stünden nur wenige US-Divisionen, und ein Vorstoß bis Antwerpen wäre somit sehr Erfolg versprechend.

Rundstedt als Oberbefehlshaber West begrüßte diesen Vorschlag im Allgemeinen. Er wollte aber neben dem Hauptstoß noch zusätzlich die im Norden des Angriffsabschnittes befindlichen alliierten Divisionen angreifen und vernichten. Sie waren gerade im Begriff auf den Rhein vorzustoßen, und bildeten somit eine akute Bedrohung für die Operation »Wacht am Rhein«. Der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B, Model, als Hauptverantwortlicher für die Ardennenoffensive, schloss sich dem Vorschlag Rundstedts zunächst an.

Hitler, Keitel und Jodl (Chef des Wehrmachtführungsstabes) wollten aber keinen Angriff nach Norden sondern alles auf eine Karte setzen. Sowohl Rundstedt auch als Model erklärten sich daraufhin mit dem ursprünglichen Plan »voll einverstanden«. Niemand erhob demnach Einspruch gegen die unrealistischen Pläne Hitlers und seines Wehrmachtführungsstabes. Von einem Protest - jedenfalls wenn die zeitgenössischen Dokumente und nicht nur die Nachkriegsliteratur berücksichtigt werden - konnte keine Rede sein. Dies nur als Beispiel dafür, wie Hitler und seine Generale gemeinsam von Wunschdenken betroffen waren und eine realistische Beurteilung der Lage unterblieb.
Ob, wie Michael Schadewitz annimmt der Krieg durch den deutschen Angriff in den Ardennen verlängert wurde, bleibt fraglich. Denn die Konzentration des letzten Aufgebots der Wehrrmacht an Panzer- und Luftwaffenverbänden im Westen ermöglichte es der Roten Armee im Osten schneller als angenommen nach Berlin vorzustoßen. Aber auch wenn nur die Front im Westen berücksichtigt wird, muss man bedenken, dass die hohen deutschen Verluste an Personal und Material während der Ardennenschlacht von der Wehrmacht kaum ersetzt werden konnten. Die Alliierten hingegen taten sich da erheblich leichter. Gingen ihre Vorstöße nach der deutschen Niederlage deshalb nicht wesentlich rascher voran? Da darf weiter spekuliert werden.

Aber nun zum Hauptthema der Arbeit, der Darstellung des Unternehmens »Greif«, das die Ardennenoffensive unterstützen sollte. Obersturmbannführer Skorzeny, unter anderem bekannt durch die spektakuläre Befreiung von Hitlers Freund Mussolini, hatte mit einer etwa 2500 Mann starken Truppe, den angreifenden Truppen der 6. SS-Panzerarmee voraus, wichtige Übergänge an der Maas zu nehmen und für die nachfolgenden deutschen Verbände offen zu halten. Außerdem erhielt er den Auftrag, mit Kommandotrupps hinter den alliierten Linien zu operieren, um dort für Verwirrung zu sorgen. All dies müsste - so Hitler an Skorzeny - mit deutschen Soldaten in amerikanischen Uniformen, falschen Papieren und alliierten Fahrzeugen durchgeführt werden. Ein klarer Verstoß demnach gegen die Regeln des Kriegsvölkerrechtes. Der Autor schildert die Details dazu in aller Ausführlichkeit.

So fragwürdig die Operation »Wacht am Rhein« geplant war, so abenteuerlich mutet das Subuntemehmen »Greif« an, Die deutschen Generalstabsoffiziere gingen nämlich davon aus, dass die Alliierten wegen des Überraschungsmoments nicht in der Lage sein würden, auf den deutschen Angriff schnell zu reagieren. Erst wenn die angreifenden Verbände kurz vor Brüssel stünden, so ihre unzutreffende Lagebeurteilung, würden der alliierte Oberbefehlshaber Eisenhower und sein Stab zu Gegenaktionen in der Lage sein. In Wirklichkeit reagierte Eisenhower noch am Tag des Beginns der Offensive, am 16. Dezember 1944, auf die deutschen Vorstöße und verlangsamte sie so erheblich.

Wie Michael Schadewitz schildert, hatten die Geheimdienstoffiziere bei SHAEF (Supreme Headquarters Allied Expeditionary Forces) von den Vorbereitungen Skorzenys Kenntnis. Es blieb kein Geheimnis, dass er und seine Gefolgsleute englischsprachige Soldaten, alliierte Ausrüstung und Kraftfahrzeuge sammelten. Unschwer zogen die alliierten Geheimdienstoffiziere aus diesen Aktivitäten den Schluss, die Deutschen würden ein Unternehmen an der Westfront vorbereiten..

Ein gewisser Überraschungseffekt allerdings blieb. Die Alliierten hielten es nämlich für sehr unwahrscheinlich, dass ihr Gegner in den unwegsamen Ardennen eine große Operation ausgerechnet im Winter plante. Was die Alliierten allerdings ins Kalkül zogen: Es ging auf deutscher Seite gar nicht mehr um rationale Überlegungen sondern nur noch um ein abenteuerliches Vabanquespiel..

Die Lagebeurteilungen des Oberbefehlshabers West vor der Offensive legen dafür ein beredtes Zeugnis ab. Trotz vielfältiger Erfahrungen unterschätzten sie den Gegner sträflich. So negierten die deutschen Generalstabsoffiziere in ihrer Feindbeurteilung beispielsweise die Auswirkungen der absoluten Luftherrschaft der Alliierten auf den Verlauf des Angriffs. Als sich schon in den ersten Tagen der Offensive das deutsche Desaster abzuzeichnen begann, war auch Skorzenys wichtigster Auftrag, drei Maasübergänge in die Hand zu bekommen, hinfällig geworden. Die 6. SS-Panzerarmee war weit davon entfernt, den Fluss jemals zu erreichen. Auch die etwas erfolgreichere 5. Panzerarmee an ihrer linken Seite blieb letzten Endes noch kurz vor der Maas stecken..

Blieben die Kommandounternehmen der in alliierten Uniformen agierenden deutschen Soldaten: Tatsächlich, wie der Autor sehr ausführlich beschreibt, gelang es einigen von ihnen hinter den alliierten Linien zu operieren. Aber ihr Erfolg war eher psychologisch von einiger Dauer. Misstrauen herrschte bei einigen US-Soldaten untereinander, nachdem vom Einsatz deutscher Soldaten in amerikanischen Uniformen gewarnt worden war. Einige Trupps von Skorzenys Leuten konnten die Alliierten enttarnen. Sie wurden vor US-Kriegsgerichte gestellt und zum Tode verurteilt..

In allen Details schildert Michael Schadewitz auch einen Kampfeinsatz von Skorzenys Männern bei Malmedy. Schlecht ausgebildet, unzureichend bewaffnet und geführt, geriet das Unternehmen zu einem Misserfolg, das viele Verluste forderte. Schneid, so kann man daraus wohl folgern, ersetzt gute Ausbildung und Ausrüstung recht selten. .

Nun noch zum Kapitel über die kriegsvölkerrechtliche Würdigung des Unternehmens »Greif«, das heißt den Kriegsverbrecherprozess in Dachau Ende 1947 gegen die Verantwortlichen der Operation. Da die Haager Landkriegsordnung, wie der Autor zutreffend vermerkt damals auch für die deutsche Wehrmacht galt, erübrigt sich der Einwand, ohne bestehendes Gesetz dürfe niemand verurteilt werden. Ein Kriegsvölkerrecht das solche Untaten verbat gab es doch! Auch kann es für die rechtliche Würdigung des Sachverhalts nicht relevant sein, dass ein von der Verteidigung herbeizitierter britischer Offizier behauptete, alliierte Soldaten hätten sich dieser Verstöße ebenfalls schuldig gemacht. Für eine faire Gerichtsverhandlung spricht auch nicht der Umstand, dass die Angeklagten samt und sonders freigesprochen wurden. Das hatte sicherlich auch politische Gründe, denn schon während des Prozesses gab es die Anweisung, nur nachgewiesene Mordfälle abzuurteilen. Es war den Verteidigern sicherlich ein Leichtes zu beweisen, dass Skorzeny und seine Gefolgsleute zwar kriegsvölkerrechtswidrige Befehle gaben, aber selbst keine Mordtaten begingen. Auf alliierter Seite war nämlich, wegen des schon begonnenen Kalten Krieges, niemand mehr daran interessiert ein rigides Gerichtsverfahren durchzusetzen. Der Sachverhalt so wie ihn der Autor schildert bleibt aber davon unberührt. Mit den Uniformen, den Kraftfahrzeugen und der Ausrüstung des Gegners Krieg zu führen war damals und ist heute ein Verstoß gegen die Regeln des Krieges.

Das Buch fördert zahlreiche Details zutage, wenn auch oft durch Nachkriegsberichte der Beteiligten (vor allem durch Skorzeny selbst) belegt. Die Arbeit ist anschaulich geschrieben und mit zahlreichen Skizzen und Fotos gut dokumentiert. Allerdings sollte ein Leser, um alles zu verstehen, militärische Grundkenntnisse besitzen: Er muss beispielsweise die deutsche Militärsprache und die taktischen Zeichen der damaligen Zeit beherrschen.

Detlef Vogel

 

 

 

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